Leseprobe aus: "Stubbe - von Fall zu Fall: Tödliches Schweigen"

Ein Kriminalkommissar, der bedroht und in die Enge getrieben wird: Das Drehbuch zu dieser Folge bricht mit den bisherigen Konventionen des Formats "Stubbe" und setzt Thriller-Elemente ein, um die Spannung und das Tempo der Geschichte bis zum Ende hin zu konstant zu steigern. In den ersten Szenen der Geschichte wird daher die Stimmung des Filmes entsprechend festgelegt.



 
1. BAUERNHOF SCHEUNE - INNEN / NACHT

Aus dem Off singt leise eine Kinderstimme das Kinderlied "Hänsel und Gretel". Unser Blick fährt über Details in einem noch nicht bestimmbaren Raum: Wir sehen zunächst angepinnt an einer Bretterwand zwei alte von der Sonne verblichene Fotos. Das erste größere Foto zeigt einen vielleicht fünfjährigen Jungen gemeinsam mit seinem Vater an einem markanten Punkt an einem Hafenbecken, die beiden haben geangelt, stolz präsentiert der Junge vor der Kamera seinen Fang. Das zweite Bild zeigt das Idyll einer heilen und glücklichen Familie im Advent, Vater, Mutter, der kleine Sohn und die noch kleinere Tochter sitzen in der Küche um den Tisch, auf dem ein Adventskranz mit entzündeten Kerzen zu sehen ist ? das Bild lenkt unsere Aufmerksamkeit auf den glücklichen Gesichtsausdruck des Jungen. Dann weitere Details aus dem Raum: die Angel vom Foto, ein Bücherregal mit wenigen akkurat aufgestellten Büchern, ein Computer-Laptop, auf einer Linoleum-Schneideunterlage eine Leiste mit einem sorgfältig geordnetem Satz von Linoleumschnitt-Messern, daneben eine kleine Schale mit einigen wenigen winzigen sorgfältig ausgeschnittenen Papier-Rechtecken (siehe Szene im Archiv). Auf einem kleinen Tisch ein Tablett mit einem leeren Glas und einem abgegessenen Teller. Nur von genau beobachtenden Zuschauern zu sehen: Eine Mappe mit Zeitungsartikeln liegt unter dem Tablett, ein Artikel über eine Festnahme schaut aus der Mappe heraus, Stubbe ist darauf zu sehen, er führt einen Verhafteten ab ? wer der Verhaftete ist, verdeckt das Tablett. Alles in dem Raum ist fast pedantisch genau geordnet und ausgerichtet. Über allem liegt das blaue Flackern eines Schweißgerätes, wir hören leise das Zischen und Knistern des Schweißvorganges.

Die Details stammen aus einer alten Scheune, in der eine Ecke als spartanischer Wohnraum gestaltet wurde. Auf dem Bett liegt bäuchlings ein niedliches vielleicht achtjähriges Mädchen ? es heißt LISA ?, das Mädchen malt mit Hingabe an einem Bild von einer Hexe, singt dabei das Kinderlied vor sich hin, das wir von Beginn an aus dem Off gehört haben. Eine Katze ist bei Lisa. Im Hintergrund ist der große Innenraum der Scheune zu sehen, der als Werkstatt eingerichtet ist. Ein uns Unbekannter schweißt aus Metall einen kleinen Kasten zusammen, gerade setzt er mit einem Schneidbrenner die letzte Schweißnaht. Wir erkennen den Unbekannten nicht, sein Gesicht ist verdeckt durch die Schweißer-Maske, seine Hände geschützt durch Handschuhe. (In dieser und allen weiteren Szenen sind das Gesicht und auch die Hände des Unbekannten nicht zu erkennen, so dass wir ihn nicht identifizieren können.) Im Halbschatten ist zu sehen, "Dies irae" ist in großen Buchstaben und schwarzer Farbe quer über die Rückwand der Scheune geschmiert.

LISA
Thomas! Schau mal.

Lisa hebt stolz ihr Bild in die Luft, zeigt es dem Unbekannten. Der Unbekannte unterbricht den Schweißvorgang. In dem Moment flammt draußen auf dem Hof ein helles Hoflicht auf, das Licht dringt durch die Ritzen im Dach und durch die Fenster in das Innere des Raumes. Aus dem Off ist eine keifende Stimme zu hören.

ANNA WEBER (off)
Lisa! Wo steckst du? Jetzt komm endlich!

Lisa blickt erschrocken und bittend den Unbekannten an.

LISA
Kann ich bei dir bleiben?

Der Unbekannte zögert, dreht die Gasflamme aus, doch er antwortet nicht.

ANNA WEBER (off, keifend, lauter)
Lisa!

Traurig nimmt Lisa das abgegessene Tablett vom Tisch, läuft aus der Werkstatt.

Der Unbekannte nimmt die Metallbox, trägt sie zu einer Werkbank, auf der schon mehrere identische zusammengeschweißte Metallboxen liegen, akkurat in Reih und Glied neben einer Reihe identischer Handys (Marke nicht identifizierbar). Die Boxen sehen alle exakt gleich aus. Die Katze läuft über die Werkbank, der Unbekannte verscheucht sie mit einem ärgerlichen Zischen. Dann greift er nach einer vorbereiteten Bombe ? wir erkennen den Plastiksprengstoff, die Kabel, die zu der in dem Sprengstoff steckenden Zündkapsel führen, eine Elektronikplatine und ein an die Platine befestigtes Handy, es gleicht den Handys auf der Werkbank. Vorsichtig setzt der Unbekannte die Bombe in eine der vorbereiteten Metallboxen ein, sie passt perfekt. Der Unbekannte nimmt die Metallbox, trägt sie zu einer auf einem Stuhl sitzenden weiblichen Schaufensterpuppe, legt die Bombe in die ausgestreckten Hände der Puppe ? es sieht so aus, als würde die Puppe die Bombe halten. Die Hände des Unbekannten zögern, dann schalten sie das in den Kasten eingesetzten Handy ein, geben den PIN-Code ein. ?Bereit? signalisiert das Display. Dann das Rascheln einer Katzenfutter-Packung, ein paar Brocken Trockenfutter werden auf den Schoß der Puppe gestreut. Ein Teil der Katzenfutter-Brocken fällt auf den Boden. Die beiden Hände greifen sich die Katze, setzen sie zu Füßen der Puppe, streicheln sie. Die Katze beginnt das Futter zu fressen.

Wir hören aus dem Off Schritte, eine Tür geht, dann fällt die Tür der Scheune ins Schloss.



 
 
2. BAUERNHOF - INNEN / AUSSEN / NACHT

Wir sehen die Subjektive des Unbekannten, der sich einem erleuchteten Fenster eines heruntergekommenen Bauernhauses nähert.

Der Blick durch das Fenster: Eine verhärmt aussehende Frau Ende 40 ? es ist ANNA WEBER ? sitzt in einer großen lange nicht renovierten Küche eines Bauernhofes in ihrem Rollstuhl am Küchentisch, sie isst, schaufelt Suppe in sich hinein. Die große Serviette, die sie um den Hals gebunden hatte, ist herabgerutscht, die Suppe tropft und fließt auf ihre Kleidung. Mit am Tisch sitzen die bedrückte und verschüchterte Lisa und eine Frau mit Küchenschürze, MARLENE BECK, sie ist genauso alt wie Anna Weber. Es herrscht eine eisige Stimmung. (Wer genau hinschaut, erkennt in der Küche jenen einst schönen Raum wieder, in dem die Kinder auf dem Foto zu Beginn des Filmes um den Adventskranz gesessen haben. Das Bild, das wir hier sehen, ist das Gegenteil der heilen Welt, die wir anfangs kurz auf dem Familienfoto gesehen haben.)

Der Unbekannte aktiviert das Handy, leise ist das Tonsignal des Handys zu hören. Er wählt eine Mobilfunknummer, das Handy quittiert jeden Tastendruck mit einem Tastenton?



 
 
3. BAUERNHOF SCHEUNE - INNEN / NACHT

Wir hören weiter aus dem Off das Piepen der Tasten, sehen dabei, wie die Katze das Katzenfutter frisst, sie ist inzwischen auf den Schoß der Puppe gesprungen, frisst das Futter direkt neben der Bombe. Das Display des Handys in der Box leuchtet auf, ein blinkender Schriftzug signalisiert: ?Anruf?. Die Bombe explodiert. (Katze bitte vor der Explosion per Stopp-Trick entfernen.)



 
 
4. BAUERNHOF KÜCHE - INNEN / NACHT

Fortsetzung Szene 2: Als die Explosion ertönt, halten sowohl Marlene Beck als auch Anna Weber inne. Lisa schaut neugierig auf, steht auf, eilt zum Fenster, schaut hinaus. Anna Weber und Marlene Beck jedoch heben den Blick nicht vom Teller. Nach einem kurzen Moment essen sie weiter, Anna Weber wie zuvor, Marlene Beck langsamer und nachdenklicher als vorher?



 
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