Leseprobe aus: "Stahlnetz: PSI"

Zum Inhalt: Larry und Ole, ein ungleiches Brüderpaar, haben die 14jährige Micha vor einer Villa in einem edlen Villenviertel in Hannover entführt - sie glauben, Micha ist das Kind reicher Eltern. Ein Irrtum: Micha ist die Tochter eines Hausmeister-Ehepaares. Larry, cool und durchtrainiert, ist sich seiner Sache sicher, Ole, dünn und ausgemergelt, hat Zweifel an der Richtigkeit ihres Tuns...



 
20. HOHLKÖRPER IN STRASSENBRÜCKE - INNEN / TAG

Larry lässt die bewusstlose Micha auf die bereitliegende Matratze fallen. Der Raum, in dem die Matratze liegt, ist halbdunkel, nur durch einige Luftschlitze im Beton fällt Tageslicht in den Hohlkörper. Der Verkehrslärm ist hier im Inneren der Brücke nur gedämpft zu hören, rhythmisch donnern die Autos über die Dehnungsspalten zwischen Brücke und Straße. Larry fesselt Michas Hände hinter dem Rücken, fesselt ihre Fußgelenke, klebt ihr einen Streifen Paketklebeband über den Mund. Er nimmt sich ihre Tasche, setzt sich auf einen Campingstuhl, zündet sich eine Zigarette an, beginnt die Tasche zu durchsuchen. Er findet ein Adressbuch. Ole beugt sich derweil besorgt über Micha.

OLE
Was ist, wenn sie tot ist?

LARRY
Ach, Quatsch. Die schläft nur.

OLE
Und wenn du zuviel genommen hast?

Ole versucht zu horchen, ob ihr Herz noch schlägt. Larry steht ungeduldig auf, schiebt Ole zur Seite, schlägt Micha mehrmals ins Gesicht.

LARRY
Aufwachen!

Micha stöhnt, ohne zu erwachen.

LARRY (zufrieden)
Na also, wer sagt?s denn.

Larry wirft Michas Tasche achtlos zur Seite, behält das Adressbuch in der Hand, geht zur Tür, dreht sich zu dem zögernden Ole um.

LARRY
Jetzt komm!

OLE (unsicher)
Du willst sie so hier liegen lassen?

LARRY (genervt)
Hör? mal, das ist eine Entführung und kein Kindergeburtstag.

OLE
Ja, aber..

LARRY (unterbricht)
Für wen machen wir das hier alles? Für dich! Also reiß dich zusammen!

Larry sieht Oles Unsicherheit, er geht zu seinem Bruder zurück, legt ihm aufmunternd und verblüffend einfühlsam die Hand auf die Schulter.

LARRY
Pass mal auf, Ole. Es läuft alles nach Plan. Wir gehen jetzt hier raus und verhalten uns erst mal unauffällig. Heute abend rufen wir die Eltern von dem Mädchen an. Morgen haben wir unser Geld. Und übermorgen, das versprech? ich dir, da liegst du in der Sonne!

Ole blickt zu der bewusstlos daliegenden Micha,

LARRY
Keine Angst, das Mädchen kommt wieder frei.

Ole antwortet nicht, blickt seinen Bruder an. Larry lächelt aufmunternd, Ole erwidert schließlich halbherzig das Lächeln.

LARRY
Und jetzt komm?!

Die beiden Brüder gehen zur Tür. Plötzlich ist das Klingeln eines Handys zu hören. Larry und Ole sehen sich erschrocken an. Larry eilt zu Micha, durchsucht ihre Jackentaschen, entdeckt ein Handy. Es klingelt. Larry wirft es zu Boden, zerstört es mit dem Absatz seines Schuhs. Das Klingeln erstirbt.

(...)


 
 
34. HOHLKÖRPER UNTER STRASSENBRÜCKE - INNEN / NACHT

Micha liegt auf dem Boden, zitternd und schweißüberströmt, ihre Kleidung ist verdreckt bei dem panischen Versuch, ihre Fesseln und insbesondere das Paketband über ihrem Mund zu entfernen. Wieder und wieder reibt sie ihr Gesicht an einer Betonkante, und endlich gelingt es ihr, das Klebeband abzureiben. Tief holt Micha Luft, erleichtert und zugleich erschöpft von der Anstrengung. Micha hebt den Kopf, blickt hinauf zu einer Spalte im Beton, durch die Sonnenlicht hereinfällt. Sie robbt zu der Spalte, richtet sich an der Wand auf, holt tief Luft und beginnt um Hilfe zu rufen, so laut sie kann.



 
 
35. STRASSENBRÜCKE - AUSSEN / NACHT

Der Blick auf die Brücke: Es ist eine vierspurige Schnellstraße, Autos und Lastwagen donnern vorbei. Nichts ist von Michas Rufen zu hören.



 
 
36. HOHLKÖRPER UNTER STRASSENBRÜCKE - INNEN / NACHT

Erschöpft gibt Micha ihre Rufe auf, sie ahnt, es ist sinnlos. Sie beginnt bitterlich zu weinen.



 
 
37. VOR MIETSHAUS / AUTO - INNEN / AUSSEN / NACHT

Larry stoppt den Wagen vor dem schlichten unauffälligen Mietshaus, in dem Ole wohnt. Ole sieht erschöpft und ausgemergelt aus. Larry blickt Ole besorgt an.

LARRY
Geht?s?

Ole nickt.

LARRY
Geh? hoch und ruh? dich aus. Ich bin mit Maria verabredet. Sie sagt, sie braucht ihren Wagen.

OLE (erschrocken)
Du hast doch gesagt, du kannst den Wagen das ganze Wochenende behalten!

LARRY
Was weiß ich, was sie will. Ich fahr? nur kurz rüber. Danach komm? ich und hol? dich ab.

Ole schaut besorgt.

LARRY
Mann, keine Panik, ich hab? die Alte im Griff!

Ole steigt aus, zögernd, er hat noch etwas auf dem Herzen.

OLE
Sag? mal, Larry, kannst du nicht alleine zu dem... also, zum Versteck fahren?

LARRY
He! Wir haben die Sache zusammen angefangen, und wir ziehen das auch zusammen durch.

OLE
Aber was soll ich Verena sagen?

LARRY
Die wird schon nichts merken. Sag? ihr, wir machen einen Abend unter Brüdern.

OLE
Genau das sag? ich lieber nicht.

LARRY
Dir fällt schon was ein.

Ole steigt aus, Larry fährt mit quietschenden Reifen davon. Bedrückt wendet Ole sich um, geht in das Mietshaus.



 
 
38. WOHNUNG OLE - INNEN / TAG

Ole betritt eine schlichte Mietswohnung. Es ist still. Kinderspielzeug liegt auf dem Boden, in einem Zimmer ist ein Laufstall zu sehen.

OLE (ruft)
Verena?

Oles Frau Verena sitzt in der Küche, raucht. Sie schaut nicht auf, als Ole hereinkommt.

OLE
Was ist los? Wo sind die Kinder?

VERENA
Bei meiner Mutter.

OLE
Warum? Musst du arbeiten?

Verena schüttelt den Kopf. Sie blickt auf, schaut Ole an.

VERENA
Sollte heute nicht deine Therapie neu eingestellt werden?

OLE
Ja...

VERENA
Das Krankenhaus hat angerufen. Du warst nicht da.

OLE
Ich hatte keine Zeit...

VERENA (fährt auf)
Keine Zeit? Wenn dir dein Leben so egal ist, bitte. Aber denk? auch an uns.

OLE
Ich denk? an euch, an nichts anderes denk? ich.

VERENA
Ach ja? Und warum quälst du uns dann so? Die Ärzte sagen, die Viren werden gegen die Medikamente resistent, wenn du noch einmal die Therapie unterbrichst. Willst du das?

Ole antwortet nicht.

VERENA (flehend, eindringlich)
Du wirst sterben, Ole. Glaubst du, ich kann das vergessen? Immer wenn ich dich ansehe, muss ich daran denken, jeden Tag, jede Nacht. Nimm mir nicht den einzigen Strohhalm, an den ich mich noch klammern kann.

OLE
Verena! Bitte! Vertrau? mir, ja? Noch ein paar Tage, dann wird alles gut.

VERENA (müde)
Was soll das, Ole...

OLE (eifrig)
Wenn du willst, verreisen wir. Wohin du willst. Oder ich fang? ?ne neue Therapie an, in Amerika, die haben da ganz neue Medikamente...

Verena blickt Ole erschöpft an.

VERENA
Du begreifst nichts...

Müde steht sie auf, verlässt die Küche. Ole bleibt alleine zurück.

OLE (leise)
Aber ich liebe dich doch...