Leseprobe aus: "Tatort: Hexentanz"

Zum Inhalt: In einem Dorf im Teufelsmoor ist vor vielen Jahren eine junge Frau ermordet worden, eine Zugezogene aus der Stadt - Anna Hellmann war mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in das Moor gezogen, um hier frei und ungewzungen zu leben. Im Dorf galt sie als Außenseiterin, die den Männern den Kopf verdrehte. Nach dem Mord wurde ihr Mann Werner Hellmann als ihr Mörder verhaftet, Zeugenaussagen von Dorfbewohnern belasteten ihn, obwohl er die Tat bestritt. Als jetzt Werner Hellmann nach der Verbüßung seiner Haft in das Dorf zurückkehrt, wird auch er ermordet - ein Feuer dient dem Mörder als Ablenkung für seine Tat. Will der Mörder seinen damaligen Mord an Anna Hellmann vertuschen? Zeitgleich mit Kommissarin Lindholm kommt Kirsten Hellmann, die Tochter der beiden Mordopfer, in das Dorf, um ihren Vater zu beerdigen. Bei der Beerdigung kommt es zum Eklat...



 
72. VOR FRIEDHOF - AUßEN / TAG

Am nächsten Morgen. Kirsten Hellmann steht alleine vor der hohen Mauer des Friedhofes am Fuße der Kirche (neben der Kirche ist das alte Pfarrhaus zu sehen). Kirsten Hellmann hat sich umgezogen, trägt das bunte Flatterkleid, das ihre Mutter in den Videoaufnahmen getragen hat.

Charlotte kommt mit Martin herbei (beide tragen gedeckte Farben, aber nicht schwarz), Charlotte nickt Kirsten Hellmann zu, die zurücknickt und lächelt, sie ist froh, dass Charlotte gekommen ist.

Der Tischler kommt angefahren, stoppt vor dem Friedhofstor, holt mit seinem Gesellen den Sarg aus dem Anhänger und hebt ihn auf den Rollwagen, über den Kirsten Hellmann zuvor noch eine bunte Decke wirft. Der Tischler ? er hat sich für den Anlass umgezogen und trägt einen schwarzen Anzug ? schiebt gemeinsam mit seinem Gesellen den Rollwagen samt Sarg durch das Tor auf den Friedhof.



 
 
73. FRIEDHOF / GRAB - AUßEN / TAG

Der Tischler und sein Geselle erreichen das offene Grab, Kirsten Hellmann folgt dem Sarg, dahinter Charlotte und Martin. Erstaunt schaut Kirsten Hellmann auf: Das gesamte Dorf ist gekommen, auch Henrike Grote, Karin Bergstedt und Lisbeth Struck mit ihren Männern und alle anderen, die wir kennen oder im Dorf gesehen haben. Alle tragen schwarze Kleidung.

Kurzer Zeitsprung: Der Sarg steht über dem offenen Grab, drei Seile sind unter dem Sarg hindurchgeführt, um ihn in das Grab heben zu können. Kirsten Hellmann steht alleine am Fußende des Grabes, blickt auf den Sarg. Der Tischler nickt Matthias Bergstedt, Thorsten Grote, Wolfgang Struck, Gerd Drechsler und Sörgen Freese zu, die den Wink verstehen und neben den Sarg treten.

Der Tischler blickt Kirsten Hellmann fragend an.

TISCHLER
Möchten Sie noch etwas sagen?

Kirsten Hellmann nickt, dreht sich zu den Dorfbewohnern um, schaut einen Moment lang in die Runde. Dann:

KIRSTEN HELLMANN
Glaubt ihr, ich würde alles vergessen, nur weil ihr kommt und Trauer heuchelt? Mein Vater war unschuldig, er war kein Mörder, und das wusstet ihr alle. Und jetzt ist auch er tot. Weil ihr geschwiegen habt! Weil ihr zugelassen habt, dass der wirkliche Mörder weiter unter euch lebt! Aber diesmal lasse ich mich nicht fortschicken! Ich werde hier bleiben, ich werde der Stachel sein in eurem Fleisch, ich werde euch anklagen, mit dem Finger auf euch zeigen, allen von euch erzählen, man wird euch begaffen, über euch spotten, über euch und das Mörderdorf - solange, bis ihr mir den Mörder gebt!

Die Dorfbewohner sind empört über die Anklage, sie schweigen, blicken drohend Kirsten Hellmann an. Charlotte tritt schützend neben sie. Für einen Moment scheint es, als ob die Dorfbewohner auf Kirsten Hellmann losgehen wollen. Doch der Dorfpolizist Sörgen Freese geht dazwischen.

SÖRGEN FREESE
Lasst sie gehen!

Die Dorfbewohner zögern. Dann teilt sich in der Menge der Dorfbewohner eine Gasse, Charlotte führt Kirsten Hellmann durch die Gasse hinaus, geht mit ihr davon.

Jetzt ist zu sehen: Dieter Grote löst sich aus der Gruppe der Dorfbewohner, schlägt einen Bogen, geht auf einen Weg parallel zum Hauptweg, folgt unauffällig Charlotte und Kirsten Hellmann. Derweil, im Off:

SÖRGEN FREESE
Und jetzt geht nach Hause. Alle.

(...)


 
 
75. DORFGASTHOF - INNEN / TAG

Die Dorfbewohner (bis auf Lisbeth Struck) haben sich nach der Beerdigung im Dorfgasthof versammelt. Die Stimmung ist aufgeheizt, es herrscht wütende Unruhe, die Anklage von Kirsten Hellmann hat die Dorfbewohner empört. Der Tierarzt Thorsten Grote führt das Wort.

THORSTEN GROTE (wütend, zu Matthias Bergstedt)
Ich lass mir gar nichts verbieten. Und von dir schon gar nicht!

Der Wirt blickt den Tierarzt fassungslos an.

MATTHIAS BERGSTEDT
Du bist wahnsinnig!

THORSTEN GROTE
Nur weil ich den Mut habe, auszusprechen, was alle denken?

(zu den Dorfbewohner)
Los! Wir gehen jetzt rüber und schmeißen das Miststück raus!

Aus der Menge der Dorfbewohner kommen bestätigende Zwischenrufe, Thorsten Grote wendet sich der Tür zu, doch Matthias Bergstedt packt ihn, reißt ihn zurück.

MATTHIAS BERGSTEDT
Das kannst du nicht machen! Sie hat ein Recht darauf, hier zu sein.

THORSTEN GROTE
Hat sie auch das Recht, uns zu beleidigen? Das ist unser Dorf! Wir sind hier zuhause!

Bestätigende Zwischenrufe aus den Dorfbewohnern. Nur Gerd Drechsler und Alex Retkowitz halten sich zurück. Gleichzeitig:

KARIN BERGSTEDT
Genau! Das müssen wir uns nicht gefallen lassen!

HENRIKE GROTE
Die soll ihren Mund halten!

WOLFGANG STRUCK
Was will die hier überhaupt? Die soll doch abhauen!

THORSTEN GROTE (zu Matthias Bergstedt)
Entscheide dich. Bist du für uns oder gegen uns?

Die Unruhe bleibt, Zwischenrufe kommentieren die Situation: ?Los, entscheide dich?, ?Du Feigling? etc. Matthias Bergstedt blickt in die Runde, zögert. Thorsten Grote will nicht warten, er wendet sich um zu den Dorfbewohnern.

THORSTEN GROTE
Kommt. Wir gehen.

Thorsten Grote geht zur Tür, die empörten Dorfbewohner folgen ihm. In dem Moment tritt der Bauer Gerd Drechsler vor, er hat der Situation bislang schweigend beigewohnt, jetzt tritt er an die Theke, verschafft sich Aufmerksamkeit, indem er mit voller Kraft sein massives Bierglas gegen die Theke schlägt. Das Bierglas zersplittert mit einem lauten Krachen, alles fährt erschrocken herum.

GERD DRECHSLER
Stopp!

Schlagartig ist es still geworden. Gerd Drechsler blickt in die Runde.

GERD DRECHSLER
Was wollt ihr tun?

Er blickt Henrike Grote, Lisbeth Struck und Karin Bergstedt an.

GERD DRECHSLER (cont.)
Wollt ihr sie nackt an einen Baum fesseln, um ihr einen Denkzettel zu verpassen, so wie damals Anna Hellmann?

Er blickt zu Thorsten Grote, Wolfgang Struck und Matthias Bergstedt.

GERD DRECHSLER (cont.)
Oder wollt ihr ihr hinterher steigen, so wie damals, um die Schlampe mal so richtig ranzunehmen?

Betretene Stille.

GERD DRECHSLER
Werner Hellmann ist der Mörder seiner Frau - haben wir das wirklich geglaubt? Geben wir es doch zu: Wir haben zugelassen, dass ein Unschuldiger im Gefängnis sitzt. Weil wir unsere Fehler vertuschen wollten.

Gerd Drechsler schaut in die Runde.

GERD DRECHSLER
Und wisst ihr, was das heißt? Einer von uns ist ein Mörder.

Alex Retkowitz hat Gerd Drechslers Rede mit wachsender Unruhe zugehört, jetzt steht er auf, zeigt auf Gerd Drechsler.

ALEX RETKOWITZ
Ja. Du bist es.

GERD DRECHSLER
Halt den Mund.

ALEX RETKOWITZ
Wo warst du denn, als es gebrannt hat? Du warst der einzige, der nicht da war.

WOLFGANG STRUCK
Stimmt! Du bist weggegangen.

Die Stimmung heizt sich wieder auf.

HENRIKE GROTE
Und Anna Hellmann hast du auch immer nachgestarrt.

THORSTEN GROTE (packt ihn)
Du Schwein. Hier große Reden schwingen...

GERD DRECHSLER (wehrt sich)
Lass mich los.

ALEX RETKOWITZ
Du hast Anna und Werner Hellmann umgebracht!

Thorsten Grote stößt Gerd Drechsler zu Boden, der Kreis schließt sich um ihn.

THORSTEN GROTE
Wo warst du denn, als wir gelöscht haben? Los, rede!

Gerd Drechsler schüttelt den Kopf.

THORSTEN GROTE
Mach?s Maul auf, du Schwein!

Der Kreis schließt sich enger, die Situation spitzt sich zu. Eine Stimme bricht die Situation.

KARIN BERGSTEDT
Er war bei mir.

Alles fährt herum. Karin Bergstedt steht blass hinter der Theke. Matthias Bergstedt blickt seine Frau erschrocken an.

KARIN BERGSTEDT
Ich habe mit ihm die Nacht verbracht.

MATTHIAS BERGSTEDT
Sag?, dass das nicht wahr ist.

Karin Bergstedt blickt ihn stumm an - ihr Schweigen ist Antwort genug.

MATTHIAS BERGSTEDT
Wie lange schon?

Karin Bergstedt schweigt.

MATTHIAS BERGSTEDT
Und damals? Wer war es damals?

Karin Bergstedt wirft einen kurzen Blick zum Tischler (oder zu einem Komparsen), der betreten den Blick senkt. Matthias Bergstedt begreift.

KARIN BERGSTEDT
Es tut mir leid, Matthias.

Die Dorfbewohner lassen von Gerd Drechsler ab, der rappelt sich auf. Matthias Bergstedt tritt vor ihn, blickt ihn stumm an, spuckt ihm ins Gesicht. Ohne ein weiteres Wort verlässt Matthias Bergstedt die Gaststube. Alles schweigt betreten. Karin Bergstedt blickt die Dorfbewohner an.

KARIN BERGSTEDT
Geht. Geht, bitte.

Die Dorfbewohner stehen auf, beginnen die Gaststube zu verlassen.



 
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