Leseprobe aus: "Der Staatsanwalt: Henkersmahlzeit"

Mit dem ersten Entwurf der Geschichte war klar, dass in diesem Krimi die persönliche Geschichte von Vater und Sohn zentral im Mittelpunkt der Handlung stehen soll. Die Beziehung der beiden Männer und ihre nicht aufgearbeitete Vergangenheit begleitet die Zuschauer durch den Film bis zur Lösung des Falles. Daher war es wichtig, in den ersten Szenen nicht nur das persönliche Verhältnis der beiden zu etablieren, sondern auch in einem temporeichen Auftakt die in diesem Film angelegte konfliktreiche Reibung von Beruf und Privatleben zu erzählen - und außerdem das Geheimnis des Staatsanwaltes anzudeuten.



 
1. WIESBADEN - AUSSEN / ABEND

Wiesbaden am frühen Abend: Eine anonyme, uns fremde Stadt.
Ein Zug fährt in den Hauptbahnhof ein.



 
 
2. BAHNHOF / BAHNSTEIG - AUSSEN / ABEND

Der Bahnsteig des Wiesbadener Hauptbahnhofes ist fast leer; nur ein Penner und ein müder Bahnbeamter beobachten ohne großes Interesse die Einfahrt des ICE aus Köln. Die Türen öffnen sich, für einen Moment bevölkern Reisende den Bahnsteig, doch innerhalb kürzester Zeit leert sich der Bahnsteig, der Zug fährt ab, der Bahnbeamte verschwindet in seinem Dienstraum. Nur eine Gestalt ist auf dem Bahnsteig stehen geblieben, einen kleinen Koffer neben sich: Es ist der Oberstaatsanwalt BERND REUTHER.

Bernd Reuther nimmt zögernd seinen Koffer, geht zum Ausgang, vorbei an dem Penner, der in eine Decke gewickelt auf einer Bank sitzt. Bernd Reuther wirft ihm im Vorübergehen nur einen kurzen Blick zu und geht zum Ausgang. Der Penner (WINKLER) holt ein Funkgerät hervor.

WINKLER (ins Funkgerät)
Ein großer Mann mit hellem Mantel, hat einen schwarzen Rollkoffer, geht zum Hauptausgang.



 
 
3. MONITORRAUM DER BAHNHOFSÜBERWACHUNG - INNEN / ABEND

Der Schwarz-Weiß-Monitor einer Überwachungskamera, darauf die Treppe. Bernd Reuther kommt ins Bild, er geht die Treppe hinunter. Auf dem zweiten Monitor ist zu sehen, wie Bernd Reuther das Ende der Treppe erreicht und in die Fußgängerunterführung tritt. Ein dritter Monitor schließlich zeigt die ganze Fußgängerunterführung, in der sich nur ein paar Nachtgestalten herumdrücken. Bernd Reuther kommt auf diese Überwachungskamera zu. Darüber:

KERSTIN (off, Sprechfunk)
Ist er das?

WINKLER (off, Sprechfunk)
Hier ist sonst niemand.

KERSTIN (off, Sprechfunk)
Okay. Wir warten noch ab.



 
 
4. BAHNHOF / UNTERFÜHRUNG - INNEN / ABEND

Die Fußgängerunterführung zur Wiesbadener Innenstadt ist verlassen. Bernd Reuthers Schritte hallen von den Wänden zurück.

Ein Kiosk mit Bierausschank am Ende der Unterführung ist offen, ein BLONDER MANN steht dort, vor sich einen Becher mit Kaffee. Der KIOSKBESITZER blickt hinüber zu Bernd Reuther, der herangekommen ist. Der blonde Mann blickt auf die Uhr, ist genervt, ihn stört der Fremde.

BERND REUTHER
Einmal den Generalanzeiger.

KIOSKBESITZER (gelangweilt)
Gibt?s nicht mehr.

BERND REUTHER
Ausverkauft?

KIOSKBESITZER
Hat dicht gemacht. Letztes Jahr.

Bernd Reuther blickt ihn verblüfft an, schaut dann zögernd über die ausliegenden Zeitungen. Der blonde Mann nimmt die Zeitung, die vor ihm auf dem Stehtischchen liegt und hält sie Bernd Reuther hin.

BLONDER MANN (genervt)
Mann! Nimm die WZ, und dann verzieh? dich!

Bernd Reuther greift zu der Zeitung, stutzt, als er dem Blonden ins Gesicht sieht, erkennt ihn.

Auf der MONITORÜBERWACHUNG sieht man, wie Reuther die Zeitung entgegennimmt.

STIMME (off)
Zugriff!

Derweil in der Unterführung:

BERND REUTHER
Danke. - Wiegand? Vorname Alexander. Richtig?

Jetzt erkennt der Blonde auch Bernd Reuther.

BLONDER MANN
Scheiße!

Der blonde Mann will fliehen, geistesgegenwärtig packt Bernd Reuther ihn, doch der Blonde reißt sich los, rennt davon, Bernd Reuther will ihm nach, doch im selben Moment wird er von einem wie aus dem Nichts aufgetauchten getarnten Polizisten herumgerissen und auf den Boden geworfen. Aus Bernd Reuthers Perspektive ist zu sehen, wie der blonde Mann von weiteren Polizisten aufgehalten und festgenommen wird.

Der Penner vom Bahnsteig kommt heran, es wird klar, er ist ein getarnter Zivilpolizist: es ist Kriminalkommissar JAN WINKLER. Neben ihm geht eine Zivilpolizistin, Kriminalkommissarin KERSTIN KLAR, sie bewegt sich etwas schwerfällig, ist im siebten Monat schwanger, ihr Bauch ist schon sehr dick. Während sie näher kommen, greift Kerstin zum Funkgerät.

KERSTIN
Thomas, wir haben ihn. Am Kiosk.

THOMAS (off, aus dem Funkgerät)
Ich bin gleich da.

Kerstin tritt zu Bernd Reuther, dessen Gesicht von dem SEK-Polizisten auf den Boden gedrückt wird. Im Hintergrund ist zu sehen: Ein Kurzhaariger kommt eine Treppe zur Fußgängerunterführung hinab, er sieht die Polizeiaktion, dreht sich um, geht die Treppe wieder hinauf und verschwindet unbemerkt. Derweil meldet sich mühsam Bernd Reuther zu Wort.

BERND REUTHER
Lassen Sie mich aufstehen.

Kerstin nickt Winkler zu, der nimmt seine Handschellen, legt sie Bernd Reuther an, der SEK-Polizist gibt ihn frei, zieht ihn hoch. Kerstin weist auf den Koffer, zieht sich Handschuhe an.

KERSTIN
Ich darf?

Kerstin wartet Bernd Reuthers Antwort nicht ab, öffnet den Koffer, durchsucht ihn: Im Koffer sind Papiere, Wäsche für einen Tag, eine Kulturtasche ? nicht das, was Kerstin sucht. Währenddessen kommt von der anderen Seite der Unterführung eine kleine Gruppe von SEK-Polizisten, bei ihnen Kriminalhauptkommissar THOMAS REUTHER, in der Hand ein Funkgerät.

THOMAS
Wo ist er?

Kerstin weist auf Bernd Reuther, der mit seinem verdreckten Anzug vor ihnen steht. Fassungslos schaut Thomas ihn an, Reuther blickt genauso fassungslos zurück. Kerstin bemerkt die Spannung, ist erstaunt über die Situation.

BERND REUTHER
Thomas!

Thomas zögert, doch er sagt kein Wort. Er dreht sich zu Winkler um.

THOMAS
Abführen!

Und Thomas wendet sich ab und geht. Stumm blickt Bernd Reuther ihm nach, während Winkler ihn am Arm nimmt und zum anderen Ausgang führt. Kerstin bleibt nachdenklich zurück.



 
 
5. KOMMISSARIAT / GANG - INNEN / NACHT

Kerstin geht mit dem leitenden Oberstaatsanwalt KOSSOWITZ den Gang im Kommissariat hinunter. Kossowitz ist wütend, geht mit großen Schritten, die schwangere Kerstin kommt ihm kaum hinterher.

KOSSOWITZ
Wie konnte das passieren? Er hat ihnen doch sicher gesagt, wer er ist!

KERSTIN
Ja, schon, aber ich dachte?

KOSSOWITZ (unterbricht ärgerlich)
.?sie dachten, ein Großdealer gibt sich als Staatsanwalt aus? Ist das ihr Ernst?

Der leitende Oberstaatsanwalt erreicht die Tür zum Büro, öffnet sie ärgerlich und geht hinein.



 
 
6. KOMMISSARIAT / BÜRO THOMAS &KERSTIN - INNEN / NACHT

Bernd Reuther sitzt im Büro von Kerstin und Thomas, vor sich eine Tasse Kaffee. Er steht auf, als der leitende Oberstaatsanwalt Kossowitz hereinrauscht.

KOSSOWITZ
Herr Reuther, es tut mir leid.

BERND REUTHER
Mir tut es leid. Ich habe Sie nur ungern gestört.

Kossowitz gibt Bernd Reuther die Hand, wendet sich wieder Kerstin zu.

KOSSOWITZ
Falls Sie es noch nicht begriffen haben sollten: Das ist Bernd Reuther. Seit?
(blickt auf die Uhr)
?vier Stunden Oberstaatsanwalt hier in Wiesbaden. Und mein Stellvertreter.

KERSTIN
Woher sollten wir das wissen? Er hat unseren Lockvogel angesprochen, genau zur richtigen Zeit.

BERND REUTHER (zu Kossowitz)
Ich habe den Mann erkannt. Ich war Ankläger gegen ihn bei einem Prozess in Osnabrück. Er ist damals aus dem Gerichtssaal geflohen.

KOSSOWITZ (nickt wissend, zu Bernd Reuther)
Wir überwachen ihn seit einem halben Jahr. Er hat beste Kontakte zur serbischen Drogenmafia. Hatte.
(zu Kerstin)
Sechs Monate haben wir auf diesen Tag gewartet. Und Sie haben alles versaut. Wie kann man nur so blöd sein!

KERSTIN (weist auf Bernd Reuther)
Aber er hätte der Richtige sein können! Keiner weiß, wie dieser Dusan aussieht.

KOSSOWITZ
Sieht so ein serbischer Mafioso aus? So was muss man doch sehen!

Kerstin verkneift sich eine Antwort.

KOSSOWITZ
Wo ist eigentlich ihr Kollege? Sollte er nicht den Einsatz leiten?

KERSTIN (sucht nach einer Antwort)
Er? hat noch zu tun.

KOSSOWITZ
Das wird Konsequenzen haben, das verspreche ich ihnen. Ich erwarte morgen früh ihren Bericht.
(blickt Bernd Reuther an)
Kommen Sie.

Kossowitz geht. Bernd Reuther blickt Kerstin versöhnlich an.

BERND REUTHER
Danke für den Kaffee.

Kerstin erwidert Bernd Reuthers Lächeln ein wenig.



 
 
7. VOR KOMMISSARIAT - AUSSEN / NACHT

Der leitende Oberstaatsanwalt Kossowitz verlässt mit Bernd Reuther das Kommissariat. Bernd Reuther trägt seinen Koffer.

KOSSOWITZ
Soll ich Sie zu ihrem Haus bringen?

BERND REUTHER (zögert, schüttelt den Kopf)
Danke. Ich nehm' mir ein Taxi.

Bernd Reuther holt bei seinen Worten sein Handy aus der Tasche.

KOSSOWITZ
Na dann? gute Nacht.
(schaut auf die Uhr)
Oder besser: guten Morgen.

BERND REUTHER
Bis nachher.

Kossowitz steigt in sein Auto, fährt davon. Bernd Reuther zögert, steckt das Telefon in die Tasche, schaut sich ein wenig verloren um. Dann nimmt er seinen Koffer und geht zu Fuß davon.



 
 
8. KOMMISSARIAT / BÜRO THOMAS &KERSTIN - NNEN / NACHT

Kerstin steht alleine im Büro am Fenster, schaut hinaus, jetzt wendet sie sich ab, greift zum Telefon, drückt eine Wähltaste. Aus dem Lautsprecher ertönt ein Signalton, das angewählte Telefon am anderen Ende der Leitung klingelt.

THOMAS (off)
Ja?

KERSTIN (ärgerlich)
Wo bist du?



 
 
9. BISTRO - INNEN / MORGENGRAUEN

Kerstin stößt ärgerlich die Tür zu einem Bistro auf, geht durch die Gaststube. Einige Arbeiter sitzen an der Theke, frühstücken. Thomas sitzt alleine an einem der Tische, vor sich ein Bier. Kerstin baut sich vor ihm auf.

KERSTIN
Du blödes Arschloch. Wieso bist du einfach abgehauen? Du wusstest doch, wer das ist.

THOMAS
Ein Verdächtiger in einer Polizeiaktion.

KERSTIN
Er ist dein Vater!

Thomas antwortet nicht. Kerstin setzt sich mit Mühe ? ihr Bauch behindert sie ? auf die Bank gegenüber von Thomas.

KERSTIN
Warum hast du nichts gesagt? Ist das der normale Umgang in eurer Familie?

Die KELLNERIN kommt, blickt Kerstin fragend an.

KERSTIN
Ein großes Frühstück. Mit allem Schnickschnack.
(weist auf Thomas)
Er zahlt.
(zu Thomas)
Und jetzt will ich wissen, was das sollte.

Thomas steht auf, greift in die Tasche, wirft einen Geldschein auf den Tisch, geht ohne ein Wort davon. Kerstin blickt ihm ärgerlich nach. Die Kellnerin kommt zurück.

KELLNERIN
Kein Mann ist es wert, dass man ihm nachläuft.
(nimmt den Geldschein)
Hauptsache, er bezahlt. Bleibt`s beim Frühstück?

KERSTIN (nickt entschlossen)
Und `ne große Portion Bratkartoffeln.



 
 
10. TANKSTELLE - INNEN-AUSSEN / MORGENGRAUEN

Bernd Reuther steht im Inneren einer Tankstelle an einem Stehtisch nahe der Kasse, trinkt einen einsamen Kaffee aus einem Pappbecher. Der Tankwart bedient im Hintergrund einen Trucker, der gerade seine Tankrechnung per Unterschrift zahlt. Ein zweiter Trucker gibt dem Tankwart den Schlüssel zum Waschraum zurück. Die beiden verabschieden sich und gehen. Der Tankwart greift sich die Kaffeekanne aus dem Brühautomaten, geht zu Bernd Reuther.

TANKWART
Noch`n Kaffee?

Bernd Reuther schüttelt den Kopf, blickt den Tankwart an.

BERND REUTHER
Haben Sie hier eine Dusche?

Der Tankwart ist erstaunt, doch er greift hinter sich an das Schlüsselbrett, nimmt den Waschraum-Schlüssel, den er von dem Trucker gerade bekommen hat, und streckt ihn Bernd Reuther entgegen. Bernd Reuther nimmt ihn.



 
 
11. WIESBADEN - AUSSEN / MORGENGRAUEN

Der Blick vom Neroberg aus über Wiesbaden: Langsam schiebt sich die Sonne über den Rand der Hügelkette, die die Stadt umschließt. Rötliches Licht legt sich auf die grauen Häuser der Stadt, die aus der Nacht erwacht. Doch von Romantik keine Spur: Eine subtil unheimliche Stimmung liegt über den Bildern, die Ankündigung einer furchtbaren Tat...



 
  Drehbuch bestellen